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Freitag, 5. Juni 2015

Knüpfen und Batiken - so very 70s!!

In meinem Bastelkarton, der schon immer meine Mal- und Bastelutensilien beherbergt hat, lagen ebenso lang zwei A5-Faltblätter mit Anleitung und Werbung für Batikfarben.

So sentimal wie amüsant. Oh Mann, was habe ich schreckliche T-Shirts gebatikt.

Ist die Familie, die gemeinsam auf dem abgeernteten Feld ein Früchte-Picknick zu sich nimmt, nicht grossartig?

Beim Betrachten dieser Bilder fühle ich mich so sehr in mein Jugendzimmer zurück versetzt. Und ich verbinde mit den Motiven auf eigenartige Weise meine Mutter. Nicht wegen der dargestellten Personen. Eher, weil die Informationsblätter von ihr kommen, eher weil sie mich an eine Zeit unreflektierter Mutter-Tochter-Beziehung erinnern.



Sonntag, 22. März 2015

Ein Geschenk für meinen Opi


Grosseltern etwas schenken war für mich immer noch schwieriger, als meinen Eltern. Was brauchen Grosseltern? Sie haben ja schon alles. Und was machen sie gern? Keine Ahnung. Lesen? Musik hören? Mit den Enkeln spielen? Grosse Ratlosigkeit. 

Als 15-Jährige (!!) habe ich meinem Opi dieses hilflose Spielebuch gestaltet. Hässlich wie die Nacht. Der erste Teil des Ringblocks besteht nur aus Tabellen, um Spielergebnisse einzutragen. Der zweite Teil, etwas origineller, ist gefüllt mit Quizfragen, Wizzen, Rätseln, Logikspielen. 

Das Buch wurde einmal genutzt. Der zweite Teil nie berätselt, vielleicht noch nicht mal gelesen.

Es ist auf jeden Fall ein furchtbares und unbeholfenes Geschenk. Aber ich erinnere mich noch genauso an das dauerhafte Gefühl der Beschämung, dass alle Geschenke, die selbstgemacht waren, nie zum Einsatz kamen. Wertlosigkeit.

Noch ein Geschenk


Keine Ahnung aus welchem Jahr das stammt. Keine Erinnerung mehr, für wen und für welchen Anlass das gedacht war. 

Ein beschämendes Geschenk



Meine Eltern (verantwortlich aber wohl eher meine Mutter) übergab mir einen Schuhkarton gefüllt mit Briefen, Bildern und Geburtstagsgeschenken an meine Grosseltern und Eltern, aus unserer Kindheit und Jugend.

Ich bin entsetzt und enttäuscht, über das Bild, das von mir aus diesen "Werken" entsteht. Aufgesetztheit, mangelnde Phantasie und Begabung, Schlampigkeit, gewollter Witz? Alles wenig schmeichelhaft. Wie kann man ein Kind, das einem solche Geschenke macht, tatsächlich ernst nehmen? 

Ich muss mich dieser Werke entledigen, ich will dieses Bild von mir nicht aufbewahren. Das Bild oben: ein "Geschenk" für meine Mutter von einer 12-Jährigen!! Seltsamerweise sehe ich mich dieses Spiel sogar noch basteln, und ich erinnere mich an eine gewisse Frustration über das Nicht-Gelingen, und über die Hektik, noch schnell ein Geschenk basteln zu müssen.

Meine Mutter sagte immer, und sagt immer noch: ich will keine Geschenke von Euch. Ich habe das nie verstanden. Und irgendwann als Entschuldigung genommen, mir tatsächlich keine Gedanken zu machen. Sie will ja eh nichts. Sie freut sich ja eh nicht. Über solche Geschenke hätte ich mich natürlich auch nicht gefreut. Aber ich vermute, dass die Ursache für all das nicht allein bei mir oder in mir lag. 

Der Inhalt dieses Kartons ist für mich symptomatisch für meine Kindheit und Jugend. Entsetzlich, widerlich.

Einzig zwei Kleinkind-Bilder versöhnen mich und zeigen mir, was hätte sein können.

Trotz meines Widerstands gegen das "Geschenk", das auf dem Bild zu sehen ist, zwei Anmerkungen: der Begriff "schönes Leben", der nun so sehnsüchtig besetzt ist; der Satz "Immer froh zu sein ist nicht schön" - was habe ich mir dabei als 12-Jährige gedacht? Schon das Gefühl, dass meine negativen Gefühle zwar nicht akzeptiert wurden, aber dennoch wichtig waren?

Montag, 9. Februar 2015

Notizen von zwei Jahren

Ein kleines Büchlein, vor über sechs Jahren in Frankreich während eines Urlaubs in einem Supermarkt gekauft, hat mich über zwei Jahre meines Lebens begleitet. Der Inhalt: Notizen, Telefonatsmitschriften, Listen, Skizzen. Nichts Kreatives, nichts Sensationelles. Nur: Mitschriften von zwei Jahren Leben, ein Übergang zum Familienleben, zur eigenen Wohnung, zum Umzug ins Ausland.



Hoteladressen, um den nächsten Frankreich-Urlaub planen zu können. Notizen aus dem Geburtsvorbereitungskurs (ich sehe mich noch an der Wand lenen, in meinem schwarz-grau-gestreiften Pulli, ein Ricola nach dem anderen lutschend, weil ich im Januar/Februar so einen schweren Husten hatte).


Die Liste für den Klinikkoffer (Wie viele Listen ich dazu herangezogen habe, verglichen, Doppelungen ausgestrichen. Wenn ich die Liste sehe, spüre ich die Kühle unserer damaligen Wohnung im Januar, ich spüre meine Unruhe, ich spüre die Freude auf mein Kind, meine Angst vor der Geburt, den unbekannten Schmerzen, die Unsicherheit ob ich an alles gedacht habe, das Unwirkliche, dass wir nun tatsächlich Eltern werden, meine Konzentration auf diesen Schritt, den Klinikaufenthalt, das Neue).

Listen geliehener Babykleidung von Freunden. Erklärungen zum Elterngeld. Die Gestaltung der Geburtskarte. Frageliste zum ersten Kinderarztbesuch. Schlagworte zum Kauf einer Eigentumswohnung . Notizen und Berechnungen eines Geo-Caching-Ausflugs. Email-Adresse einer Wohnungseigentümerin in unserer neuen Stadt. To-Do-Liste vor dem Umzug ins Ausland. Teilnahmeliste der Spielgruppe (meiner ersten und wichtigsten Anlaufstelle nach dem Umzug - DIE Kontaktbörse). Fahrtkosten meiner einsemestrigen Fortbildung. Logoentwürfe der Firma. Kinderkritzeleien. Der Kennenlern-Termin in der Krippe vom Grossen (was für ein seltsamer Zufall: genau heute war der Kennenlern-Termin in derselben Krippe für die Kleine).

Ein Zettel mit Datum


Beim Aufräumen gefunden: ein Zettel, fast sechs Jahre alt; aufgehoben, da ich auf ihm die Zugangsdaten zu einem Online-Shop notiert hatte. Heute, während ich den Zettel aufmerksam las, um vor dem Entsorgen keine wichtige Information zu übersehen, bemerke ich eine Notiz: Name von Onkel und Tante, dahinter ein Datum, 12.7.

Es war der erste, und wie ich heute leider weiss, auch der letzte Besuch meines Onkels, um seinen Neffen, unseren Sohn, zum ersten Mal zu sehen,  kennenzulernen. Mein Onkel starb noch in jenem Sommer. 

Dienstag, 25. November 2014

Mitschriften aus der Oberstufe

Zwei Hefter habe ich gefunden, Mitschriften aus der Oberstufe des Gymnasiums: Musik, Kunst und Religion. Sie sind voll von Kopien, Tafelabschriften, Materialien, ab und zu Zeichnungen, die aus Langeweile entstanden sind, Lehrerzitate (Religion - K: "Nuschel ich oder was?" "Ja" K: "Ach, Unsinn" -- Jean Paul heiratete 1836 eine reiche Witwe K: "... das war saupraktisch" -- K: "In dieser Klasse gibt es ein paar Leute, die müsst man eliminieren! Natürlich nicht körperlich, nur geistig") oder kleine schriftliche Dialoge mit Banknachbarn.



Die Hefter sind vollgestopft mit Information. Freiheit - Verantwortung - Schuld, Gottesglaube - Athesismus:

"Ich kann nicht ja sagen, aber ich will auch nicht nein sagen"
Thomas Bernhard

"War das das Leben? Wohlan, noch einmal"
Friedrich Nietzsche


Stilepochen Malerei, Sonate, Fuge, Bolero bis zum Erbrechen. 

Erinnerst Du Dich an den Geruch der frisch gedruckten Matrizen?

Ich bin beeindruckt von der Fülle an (damaligem) Wissen, das uns zur Verfügung stand und uns Türen öffnete, und uns erlaubt hätte, so viele verschiedene Wege zu gehen. Wir haben so viel gelernt, vor allem auswendig gelernt (was für mich heute vieles in Frage stellt), aber wir durften lernen. Heute sagen mir die Mitschriften kaum noch etwas. Oder, auch erstaunlich: ich sehe, dass ich damals bereits Namen und Aussagen kannte, die mir erst viel später etwas bedeuteten, und von denen ich dachte, ich hätte sie erst zu diesem späteren Zeitpunkt kennengelernt. Was ja auch auf gewisse Weise stimmt.


Dienstag, 4. November 2014

Eine Kerze und ein Reise-Tagebuch in den Hohen Norden

Weitermachen: Abschied von Zwei.


1. Die Tischkerze meines Kommunionstags

Ich fand sie vom ersten Moment an wunderschön. In meiner Erinnerung haben mich meine Eltern mit der Kerze überrascht, ich erinnere mich nicht, sie mit ausgewählt zu haben, noch zu wissen, dass es eine solche Kerze für meinen Platz am Tisch geben würde.

Die Farbe: ein gebrochenes Weiss, goldene, feinziselierte Verzierungen, ein Ring am unteren Ende der Kerze bildend: Kreise, ineinander greifend, darüber und darunter Borten, wellenförmig, an Lilien oder Blütenornamente erinnernd. Mein Name, in Gold, darüber. Darüber aus Wachs geformt ein Blütenkranz, oben offen, mit kleinen grünen Blättern und weissen Blütchen, welche hellgrünen Stempelchen umrahmen. Der Blütenkranz umfasst einen goldenen Kelch (auf einer weissen Wolke stehend), der die Hostie hält. Von der Hostie steigen goldene Strahlen auf. Auf der Rückseite der Kerze das Datum meiner Kommunion.

Die Kerze symbolisiert nun nicht mehr das Erlebnis der Kommunion.

Sie ist ein Zeichen der Liebe und Fürsorge meiner Eltern, die sich für diesen Tag so viel Gedanken für mich gemacht haben. Und eine Kerze gewählt haben, die mich auch heute noch erfreut.

Ich habe sie fotografiert, um mich immer an das Gefühl zu erinnern, das diese Kerze einmal in mir ausgelöst hat.





edit: die Kleine hat die Kerze wieder "ausgegraben" und mit Hingabe dier Blüten und Verzierungen befühlt. Ich habe sie dabei aufgenommen; es gibt mir das Gefühl, der Kerze einen Platz in der Gegenwart zuweisen zu dürfen; so ist sie nicht nur meine Erinnerung an eine vergangene Zeit, sondern auch mit meinem augenblicklichen Leben verbunden. Ich kann sie leichter gehen lassen.



2. Das Reisetagebuch

1988, zehn Tage Urlaub im Norden Deutschlands mit einer Freundin, ein Tagebuch. Wir haben alles akribisch notiert - jede Bemerkung, die uns zum lachen brachte (und davon gab es viele...), jede Mahlzeit, jede Aktivität, und war sie noch so banal. Alles war wichtig, alles war besonders. Wir waren furchtbar pubertierend. Harmlos und nett. Aber furchtbar pubertierend. Zum Schluss und als Dankeschön für die Gastgeber gabs ein selbstgereimtes Gedicht.

Es gibt ein paar Photos (neben all den Fahrkarten, Eintrittskarten, Kassenbons, Werbungen, Flyern, die wir _alle_ eingeklebt haben), die mich in zu kurzen Hosen zeigen, die Knöchel schauen immer unten raus, wir tragen Espradrillos oder Birkenstock. Meine Mimik immer ein wenig quer. Drei gute Portraits, die ich herausgerissen habe und aufbewahren werde. Der Rest muss weg. Aber ich glaube: wir hatten richtig viel Spass.

Montag, 3. November 2014

Kissen

Die selbstgenähte Kissenhülle, das Kissen darin eingenäht.



Der Stoff: ein Geschenk von Freunden meiner Eltern. Irgendwann, nach Jahren, aber noch zu einem Zeitpunkt, an dem ich bei meinen Eltern wohnte, entschloss ich mich, daraus eine Kissenhülle zu nähen. Sie ist nicht besonders gut gelungen, wie fast alles, was ich handwerklich beginne. Ich habe dieses Kissen oft auf Reisen mitgenommen, zum Zelten.

Der Stoff erinnert mich heute auf sehr unangenehme Weise an die Freunde meiner Eltern. Und das Kissen dient mir schon seit langen Jahren nicht mehr auf Reisen. Es liegt auf meinem Kleiderschrank und verstaubt. Heute nehme ich Abschied.

Sonntag, 2. November 2014

Die Schallmauer

Ich werde heute ein Buch, ich würde jetzt lieber schreiben: verschenken, weitergeben, aber es wird hier stehen: wegwerfen. Ein Buch, das ich vor bald 30 Jahren geschenkt bekam, von unserem Gemeindepfarrer und meiner Chorleiterin, als ich im Krankenhaus lag. Die Widmung: "Liebe ... , Geduld + Hoffnung im Krankenhaus, Deine...".


Das Buch hat mich einige Jahre begleitet. Ich sehe mich in meinem Zimmer sitzen, draussen ist es dunkel, drinnen brennt nur eine Kerze (dich ich selbst gestaltet habe in einem KSJ-Treffen) und ich lese in diesem Buch. Am Fenster. Bete. Versuche zu verstehen. Bin inspiriert. Glaube in die richtige Richtung zu sehen. Resigniere gleichzeitig. Ich werde es nicht schaffen, zu glauben.

Ich lese heute einige der Texte und Gebete. Ich erinnere mich kaum an den Wortlaut. Die Worte: sehr von den 80er Jahren geprägt. Diese Zeit atmet durch die Texte: atomare Bedrohung, saurer Regen, kalter Krieg, Dritte Welt. Aber auch: Liebe, sich selbst erkennen, sein Leben zu versäumen. Reduzierte Texte, damals wohl neu und provozierend, heute ein wenig angestaubt. Alle Themen immer noch aktuell, aber heute flankiert von so vielen neuen Krisen, dass diese Zeit vor 30 Jahren fast unschuldig wirkt.

Beunruhigend: mancheTexte machen mir auch heute noch Eindruck. Wohl einen ähnlichen, den sie mir vor drei Jahrzenten gemacht haben. Texte, die von der Angst handeln, nicht zu leben. Das Leben nicht zu leben, aus Angst vor Krankheit und Tod. Den Augenblick zu versäumen, weil ich immer an den nächsten Schritt denke. Die Schönheit nicht zu sehen, weil ich mich in Vorurteilen vergrabe.

Ich werde das Buch heute wegwerfen, weil ich in Gebeten keine Antwort für mich in dieser Welt finden werde. Aber soviel Emotion und Jugend liegt in dem Buch, in seinem Ton, auch seinem Einband, den ich so oft angeschaut und in meinen Händen gehalten habe, dass ich es nicht einfach gehen lassen kann. Ich verabschiede mich.

Freitag, 24. Oktober 2014

Muschelbox

Die Kiste mit den Muscheln, über Urlaube hinweg gesammelt und seit Jahrzehnten ungeöffnet. Die Urlaube lagen in den 80er Jahren, Familienurlaube - der letzte 1989.





Seltsam, diese Muschelschalen wieder mit den Händen zu berühren, ein zweites, ein weiteres, ein letztes Mal. Manche Erinnerung an das Sammeln dieser Hüllen ist so intensiv, dass ich mich wieder an dem jugoslawischen Strand sehe, suchend, freudig, aufgeregt, während meine Hände im hier und jetzt durch die Muscheln im Karton streifen, ein Geruch nach altem Meer und Salz aufsteigt, und meine Augen die Formen und Grössen der Schnecken und Muschelschalen erfassen.

Auch die Steine - vor allem Helgoland. Und dann die bemalten Kiesel, auch daran noch eine vage Erinnerung, an den Fund und die Gestaltung.


Montag, 4. November 2013

Achim Reichel: John Maynard

6. Klasse, Gymnasium, Deutschunterricht.

Wir lernen John Maynard von Theodor Fontane. Wir lesen, lernen auswendig, machen ein kleines Theaterstück daraus, das auch an den Projekttagen der Schule aufgeführt wird. Und unser Deutschlehrer präsentiert uns die Interpretation Fontanes Ballade von Achim Reichel. Den Namen des Interpreten kenne ich allerdings erst seit heute. Oder vielleicht kannte ich ihn damals durch meinen Deutschlehrer, er hat uns sicherlich gesagt, wer da singt, aber ich habe den Namen nicht in Erinnerung behalten.

Aber das, wie soll ich sagen, Lied? habe ich noch immer in Erinnerung, ich kann es noch immer singen, nicht mehr bis zum Schluss, wie ich heute beim Wiederhören der Ballade festgestellt habe, aber ich weiss nicht, ob ich noch in der Lage wäre John Maynard ohne diese Interpretation zu zitieren.

Ich erinnere mich, wie sehr ich das Lied als 11- oder 12-jährige mochte, und dass ich meinem Deutschlehrer eine Leerkassette überreichte, mit der Bitte, mir das Lied zu überspielen. Was er netterweise auch machte. Und ich habe es oft zu Hause wiedergehört. Wo die Kassette geblieben ist, weiss ich nicht. Ob sie irgendwann den Aufzeichnungen der sonntagnachmittäglichen Radiohitparade zum Opfer fiel?

Ich kann mich ganz genau an unseren Klassenraum erinnern, meinen Sitzplatz, und seltsamerweise an sehr heisse, stille, arbeitsintensive Stunden in diesem Raum. Manche Gesichter meiner damaligen Klassenkameraden, und wo diese sassen. Ich war noch sehr gut in der Schule, in der 6. Klasse, danach begann ich den Spass an der Schule und am Lernen zu verlieren, in der 7. Klasse noch ein Echo von der Freude des Mädchens und der Lehrergläubigkeit, alles sollte sich danach immer mehr verlieren.

Mein Deutschlehrer mochte mich, ich weiss bis heute nicht, ob es einfach nur daran lag, dass ich immer sehr gute Noten in den Klassenarbeiten hatte. Ich mochte Deutsch, ich mochte Lesen, Grammatik war eine meiner Stärken. Der Lehrer hatte die etwas unangenehme Angewohnheit, die Klassenarbeiten sortiert zurückzugeben, angefangen mit der schlechtesten Note, das letzte Heft, das er ausgab war die beste Note. Peinlich, dass die Klassenkameraden so jeweils die Leistungen der anderen einordnen konnten. Schrecklich für den, der als erster angesteuert wurde, und irgendwie auch für den, der das Heft als letzter mit einer lobenden Erwähnung erhielt.


Samstag, 31. August 2013

Wolfgang Herrndorf: Dämmerung

Dämmerung

Ich bin vielleicht zwei Jahre alt und gerade wach geworden. Die grüne Jalousie ist heruntergelassen, und zwischen den Gitterstäben meines Bettes hindurch sehe ich in die Dämmerung in meinem Zimmer, die aus lauter kleinen roten, grünen und blauen Teilchen besteht, wie bei einem Fernseher, wenn man zu nah rangeht, ein stiller Nebel, in den durch ein pfenniggroßes Loch in der Jalousie hindurch bereits der frühe Morgen hineinflutet. Mein Körper hat genau die gleiche Temperatur und Konsistenz wie seine Umgebung, wie die Bettwäsche, ich bin ein Stück Bettwäsche zwischen anderen Stücken Bettwäsche, durch einen sonderbaren Zufall zu Bewußtsein gekommen, und ich wünsche mir, daß es immer so bleibt. Das ist meine erste Erinnerung an diese Welt.
Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet. Als in Garstedt das Strohdachhaus abbrannte, als meine Mutter mir die Buchstaben erklärte, als ich Wachsmalstifte zur Einschulung bekam und als ich in der Voliere die Fasanenfedern fand, immer dachte ich zurück, und immer wollte ich Stillstand, und fast jeden Morgen hoffte ich, die schöne Dämmerung würde sich noch einmal wiederholen.

Mittwoch, 29. Mai 2013

Der Brief

Versöhnung - das ist das Wort, das mir endlich ein Stück weiterhilft. Es geht nicht darum, meine Geschichte, meine Geschichten zu überwinden. Es geht darum, mich mit ihnen zu versöhnen.

Seine Reaktionen auf meine letzten Mails waren kurz, zu kurz als dass ich mir noch vormachen könnte, er wolle eine Verbindung aufrecht erhalten. Ich weiss nicht, was ich mir erwartet habe - dass auch er über die Jahre nicht von mir lassen kann, dass ich weiterhin eine Rolle in seinem Leben einnehme, eventuell sogar einen Teil seines Lebens besetze, dem er hinterhertrauert (so wie ich es tue). Wie hätte ich das wirklich glauben können, sein Leben, das ein beruflich erfolgreiches ist, er, der seit Jahren eine feste glückliche Beziehung mit einer klugen schönen Frau führt. Und wieso passiert es mir, die ich seit Jahren eine feste glückliche Beziehung führe und mit zwei wunderbaren Kindern beschenkt wurde. Versöhnung.


Und dann der Brief. Vor zwei Tagen überreichte ihn mir der Postbote und ich erkannte die Handschrift sofort. Seither liegt er ungeöffnet -

Das Gefühl der Freude verlängern. Den Inhalt erspüren, alle Möglichkeiten des Inhalts ausloten. Der Brief bekommt unnötig viel Raum und Bedeutung. Wieder werde ich mich selbst enttäuschen, weil ich eben doch wieder überhöhte und unnötige Erwartungen habe. Was ich erwarte? Ein Zeichen, das er ehrlich an mich denkt, an mir interessiert ist, weil wir uns einmal alles bedeutet haben, weil mein Menschsein ihn angeht, meine Gedanken, mein Leben. Eine gute Portion verletzter Stolz ist mit dabei, das muss ich leider vor mir selbst zugeben, verletzter Stolz, dass er mich nicht mehr wollte, auch ein Minderwertigkeitsgefühl, dass ich nicht gut genug für ihn war, Unsicherheit, ob seine Liebe für mich wirklich Liebe war, oder nur seine überraschte Reaktion, dass er eine solche Liebe in einem anderen Menschen auslösen kann. Ich würde ihn gerne einmal fragen, ob er mich wirklich geliebt hat, er, meine Liebe.

Diese Antwort wird nicht in dem Brief stehen. Das, was ich gerne von ihm hören würde, werde ich nicht in dem Brief lesen.

Ich kann meine Versöhnung also fortsetzen, trotz Brief. Der Brief ändert nichts an dem notwendigen Prozess.  Meine Versöhnung soll sein: diese Jahre mit ihm waren gut, haben mich nachhaltig geprägt, meine Bedürfnisse und Interessen geformt. Dass er nicht mehr für mich da ist, sollte für mich Herausforderung sein, nicht Niederlage. Die Erinnerung an meine erste grosse Liebe soll mich glücklich machen, nicht trauernd. Sie darf mir nicht mein Jetzt vergiften, sie soll es bereichern und beruhigen. Diese Liebe und dieser Mann sind Teil meines Lebens, ich sollte davon reden können, und es nicht begraben wie einen dunklen schmerzenden Schatz.

Donnerstag, 23. Mai 2013

Roxy Music - If there is something

Vor wenigen Tagen sah ich im Fernsehen den Film Flashbacks of a Fool aus dem Jahr 2008. Der Film erzählt die Kindheits- und Jugenderinnerungen eines Filmstars, der nicht nur mit seiner Karriere, sondern auch seinem Lebensentwurf scheitert, und führt den Zuschauer bis zu dem entscheidenden Moment seiner Jugend, der sein Leben auf tragische Weise verändern sollte.

Eindrückliche Bilder, eine langsame Erzählweise und wunderbarer Soundtrack.

Eine Perle daraus: Roxy Music - If there is something



Im Soundtrack ist die Studioaufnahme zu hören, ich aber kenne diese Liveaufnahme besser, die grossartig ist.

Welche Erinnerungen - 1991, Autofahrten nach Heidelberg im Opel, durch die Nacht, die Erwartungen und Sehnsüchte für SM, die Kassette von SP aufgenommen. If there is something fast wie in Trance gehört, um mich Dunkelheit, nur die Lichter der Autos, hinter mir liegt eine Arbeitswoche, manchmal sogar zwei, und vor mir liegen kostbare Stunden mit ihm, Vita Nova.

Sonntag, 15. April 2012

View-Master

Unser Kleiner verbrachte heute Nachmittag zwei Stunden bei unserer Freundin. Als ich ihn abholte, hielt er ein rot-weisses Teil vor seine Augen, und schon von der Wohnungstür aus konnte ich erkennen, was er da in seinen Händen hielt.

Nicht, dass ich es hätte benennen können. Das kann ich erst seit ein paar Stunden -

Unser Kleiner hielt einen View-Master vor seine Augen, ein kleines mechanisches Gerät, das es ermöglicht, Stereobilder zu betrachten. Ich hatte als kleines Kind auch einen solchen View-Master, und ich habe es immer noch hier bei mir.


Ich erinnere mich an meine Faszination beim Betrachten der Stereobilder. Wir hatten genau drei Scheiben, drei Folgen einer Petzi-Geschichte, die auch als Buch in meinem Regal stand. Es begeisterte mich die Verkürzung der eigentlich recht langen Geschichte, die rätselhafte Tiefe der Bilder, die gleichzeitig unerklärlich und doch selbstverständlich vor meinen Augen entstand. Ich erinnere mich auch, wie irritierend ich es fand, das man durch das Gerät nicht eigentlich hindurchsehen konnte, denn ohne Bildscheibe sah das Auge nur milchigweisses Licht.

Ich weiss, dass ich es nicht müde wurde, die drei Scheiben wieder und wieder anzusehen. Eigentlich bin ich heute verwundert, dass ich mir nicht mehr Scheiben-Geschichten gewünscht habe. Aber das passt nun auch wieder zum Kind-Sein. Es ist irgendwie wie es ist, und es ist gut so.

Als mein Sohn und ich nach Hause zurückkehrten, kramte ich ihm umgehend meinen View-Master hervor. So ist er nun in seinen kleinen Händen und ich wünsche mir für ihn die gleiche tiefe Faszination und Hingabe.



Freitag, 10. Februar 2012

Das rote Fahrrad

Zu meinem zehnten Geburtstag bekam ich von meinen Eltern ein eigenes, neues Fahrrad geschenkt. Rot, in der Sonne glänzend, mit einem Geruch, der mich ganz aufgeregt sein liess. Meine Freundin, ein Jahr älter, hatte bereits ein Jahr vorher ihr eigenes Rad bekommen und war nicht mehr so gern mit dabei, wenn ich sie abholte, um "Rad zu fahren".

Für mich war es Grösste: einfach fahren um des fahrens willen, die neuen schwarzen Reifen drehen zu sehen, die Gangschaltung zu nutzen (eine 3-Gang-Nabenschaltung...), das Surren der Kette zu hören.

Eigenartigerweise habe ich einen der Reflektoren, die in die Speichen eingehängt waren, beim Aufräumen gefunden. Sein Anblick bringt ein Teil meiner Aufregung zurück, eine Erinnerung des Geruchs und der Geräusche, der Frühsommertage in denen ich mein Rad stolz durch die Strassen fuhr.


Bleib nicht liegen

"Doch bleib nicht liegen,
denn sonst gräbt sich etwas fest in deinem Hirn,
was dir irgendwann den Mut zum Atmen nimmt.
Und auf einmal prägt dir einer dieses Zeichen auf die Stirn,
das die Wege, die du gehen willst, bestimmt."



Konstantin Wecker "Bleib nicht liegen"

Ich bin liegengeblieben. Ich schaue zurück und sehe, dass ich mit mir habe geschehen lassen. Wo war der Mut, wo die Kraft. So viel Möglichkeiten wurden mir gegeben, ich weiss nicht, was ich statt dessen erwartet habe. Ich bin liegengeblieben. Das Zeichen kam und bestimmte meine Geschichte.

Es gibt im Leben eines Menschen drei oder vier Geschichten und die wiederholen sich so unerbittlich, als ob sie nie zuvor geschehen wären.

Samstag, 21. Januar 2012

Auf dem Dachboden meiner Eltern

Im Haus meiner Eltern, ein paar Tage Auszeit von meinem Alltag. Ich klettere auf den Dachboden, der ganz spezielle Geruch schleudert mich direkt zurück in die Tage meiner Kindheit und Jugend. Ich weiss, dass dort oben noch immer Kisten aus meinem Kinderzimmer stehen, mit Gegenständen, die ich irgendwann aus meinen eigenen vier Wänden verbannt habe, da sie mir nicht mehr angemessen für mein damaliges Leben schienen, oder weil zu wenig Platz war für all die Sachen, die ich - anscheinend schon immer - ansammle.

Ich öffne Kartons, Kisten, Büchsen - und stosse auf Dinge, die ich längst vergessen hatte, aber deren Anblick bei mir sofort Erinnerungen auslösen, sanfte Gefühle, Geborgenheit.


Diese kleine Kristallkugel habe ich heute wiedergefunden (das Bild ist nicht von mir, sondern von hier - eigenartiger Zufall, dass ich innerhalb weniger Stunden mein Objekt und dann zufällig, ohne danach zu suchen, seine Abbildung im Internet finde). Wenn ich sie von der Seite betrachte, ist die Kugel klar, transparent, in Facetten geschliffen, wenn ich durch sie hindurchsehe, bricht das Licht wie durch Prismen, man sieht wie durch ein Kaleidoskop. Ich schaue von oben auf sie herab, in sie hinein, und sehe alle Farben des Regenbogens.

Ein Geschenk meiner Eltern - ich erinnere mich nur sehr undeutlich. Ich glaube, ich durfte sie mir während eines Urlaubs aussuchen. Als Kinder durften wir im Laufe eines Sommerurlaubs immer ein Souvenir wählen. Ich erinnere mich, wie schön und mysteriös ich die Kugel immer fand. Ich hielt sie oft in den Händen, sie stand immer auf meinem Schreibtisch. Die Kugel hatte immer einen grossen Wert für mich. Sie war kein Spielzeug, sie war zum ansehen, bewundern und staunen. Immer vermutete ich dahinter eine tiefere Bedeutung. Jetzt hat sie diese tiefere Bedeutung: die Kugel ist gefüllt mit Gefühlen und Sehnsüchten meiner Kindheit, meinem Beschützsein, meinem eigenen Zimmer, mit Zeit - für mich und so viel Zeit, die noch vor mir liegen sollte.

Samstag, 14. Januar 2012

Steve Hackett - Voyage of the Acolyte

Ein Album, dass mich während einer Zeit intensiv begleitete, war Steve Hacketts "Voyage of the Acolyte". Ich habe Papiere gefunden, auf denen ich mit schwarzer Tinte sorgfältig die Texte von drei Liedern abgeschrieben habe, um der Intensität ein Ventil zu verschaffen - in mir die Worte so laut und so mächtig, die Musik, die sie umgibt, so gross. Ich musste die Worte nach aussen bringen, um mir ein wenig Ruhe zu verschaffen.


He who knows love, knows who you are.

Star of Sirius

Shadow of the Hierophant

The Hermit